conhIT Gespräche zeigen Bedarf an mehr Interprofessionalität

Die conhIT ist Europas grösste Kongressmesse der Medizininformatik. Sie findet jährlich in Berlin und in diesem Jahr bereits zum zehnten Male statt. Seit jeher wird die conhIT von Krankenhausinformatikern besucht. Von den Krankenhaus-IT Herstellern werden diese Klinikinformatiker als ihre primären Kunden betrachtet. Konsequenterweise trifft man demnach eben diese Krankenhaus-IT Leiter auf der conhIT so wie in dieser Woche wieder auf dem Berliner Messegelände. Aber auch auf den sogenannten „Anwendertreffen“, den Kundentagen der Krankenhaus-IT Hersteller, sind nur IT’ler und nicht etwa die tatsächlichen Anwender klinischer IT Lösungen Ärzte, Pflegende, Therapeuten und ihnen administrativ zuarbeitende Klinikmitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwesend – von löblichen Ausnahmen mal abgesehen. Das muss sich ändern.


Präsentierten sich auf der Messe in ihren Anfangszeiten noch vorwiegend die damals rund 30 Hersteller von monolithischen KIS-Systemen (derer sind es heute noch 7) so hat sich inzwischen die applikatorische Landschaft der medizinischen Informatik komplett geändert: die Ausstellungsfläche ist inzwischen sechs mal so gross und die vorgestellten Lösungen unterstützen immer stärker spezifische klinische Prozesse. Viele der Systeme sind mit erheblichem klinischen Wissen ausgestattet.

Die technischen Komponenten der Medizininformatik stehen bei weitem nicht mehr im Vordergrund. Die Basistechnologien stehen zur Verfügung und könen einfach genutzt werden. Man muss sich nicht mehr um deren strategische Entwicklung kümmern. Das gleiche gilt für Schnittstellen. Im medizinischen Umfeld sind sie inzwischen international standardisiert und verursachen in der Anwendung kaum noch die seinerzeit so hinderlichen Schnittstellenprobleme. Letztere, und das durch sie verursachte Chaos, sind jedoch noch tief in den Köpfen der Anwender verwurzelt. Das führt zu unguten Selbstbeschränkungen in der Anschaffung moderner klinischer Systeme.

Auf der conhIT geht es nicht primär um Informatik

Interview mit Jens Schulze, IT-Leiter im Klinikum Leverkusen: „Der klinische Prozess steht für mich im Vordergrund“

Standführung für die Berner Fachhochscule für Medizininformatik

Zusammengefasst könnte man sagen, dass es auf der Medizininformatik Messe conhIT gar nicht mehr primär um Informatik sondern um Medizin im weiteren Sinne, genauer um klinische Organisationsprozesse geht. Schaut man die Besucherstruktur an, so ist dies ein Problem. Ärzte, Pflegende und Therapeuten finden sich nämlich so gut wie gar nicht unter den Besuchern. Die prozessunterstützenden Lösungen können demnach nicht denen präsentiert werden, die dringend auf Innovationen in ihrem Arbeitsbereich angewiesen wären und die die eigentlichen Prozesskenner sind.

Die IT Leiter, die klassisch nach dem Informatik Lehrsatz „never touch a runing system“ agieren und entscheiden, vertrauen weiterhin auf die klinischen Bestandssysteme und verhindern damit, vermutlich vollkommen unbewusst, zusätzlich das Vorankommen der medizinischen Informatik im klinischen Alltag. Medizininformatiker, welche ihren Schwerpunkt eher im klinischen Prozessmanagement mit Informatik anstatt in der elektronischen Datenverarbeitung „EDV“ sehen, gibt es noch viel zu wenige. Auf sie kann man Hoffnungen auf bessere klinische IT Werkzeuge, die in der Praxis auch ankommen, nur dann richten, wenn deren Zahl erheblich steigen würde. Im Zuge des Fachpersonalsmagles und des Demografischen Wandels ist das jedoch leider nicht zu erwarten.

Bei einer Standführung für die Studierenden der Berner Fachhochschule für Medizininformatik hat Guido Burkhardt von qhit healthcare consulting als Moderator gemeinsam mit den Ausstellern aus der Schweiz die innovativen Lösungen aus unserem Land vorgestellt. Hierbei zeigte sich bei den Studierenden ein weitaus tieferes Prozessverständnis als man es von den klassischen Informatikern aus Kliniken erwarten darf. Selbstverständlich bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel!

Was sich verändern muss

 

Der Schweizer Stand ist inzwischen auf eine beachtliche Grösse angewachsen

Was sich verändern muss ist, dass Leitende Informatiker, -Ärzte, -Pflegende und -Therapeuten sowie kaufmännisch Verantwortliche ein Team bilden und Veranstaltungen wie die conhIT gemeinsam besuchen. Gemeinsam!

 

Nur so lässt sich gewährleisten, dass innovative und moderne Lösungen, die die klinischen Prozesse wirklich unterstützen und sie nicht nur verwalten, auch in den Spitälern und Kliniken ankommen. Der Markt stellt diese nämlich schon seit einigen Jahren zur Verfügung.

Wir mussten aber leider in den letzten Jahren immer wieder beobachten, dass vielversprechende Ansätze aufgrund des wirtschaftlichen Misserfolgs der innovativen Unternehmen von deren Seite nicht weiter verfolgt werden konnten und inzwischen am Markt nicht mehr verfügbar sind. Das dürfte auch an den Plattformen liegen, auf denen sich moderne Systeme präsentieren können. Die zur Verfügung stehenden Kanäle, beispielsweise Fachzeitschriften, richten sich, wie auch die conhIT, an die Informatikabteilungen der Kliniken bzw. werden nur von diesen wahrgenommen. Die klinisch Tätigen sind aussen vor.

Daneben müssen Krankenhäuser ihre Beschaffungspraxis überdenken. Wenn eine Grundanforderung an jede neue Lösung ist, dass diese schon ein Dutzend Referenzinstallationen vorweisen können muss so wird es nie innovative IT-Lösungen in grösserem Stil im Gesundheitswesen geben können. Die Informatikhersteller moderner Lösungen machen es den Kliniken eigentlich leicht in dem sie beispielsweise neue pay-per-use Finanzierungsmodelle anbieten. Hierbei müssen Spitäler keine Investitionen in der Höhe mehrerer hunderttausend Franken für Softwarelizenzen ausgeben. Sie zahlen vielmehr nur die Nutzung der Lösungen im klinischen Alltag. Die einfache Formel lautet: keine Nutzung – kein Nutzen: keine Zahlung. Wenig Nutzung– wenig Nutzen: wenig Zahlung. Viel Nutzung – viel Nutzen: entsprechend höhere Zahlung.

Kosten und Nutzen im Einklang

Moderne Systeme sind so ausgelegt, dass die Prozesskosteneinsparungen durch die Nutzung des Systems immer höher sind als die Kosten, die das System verursacht. Daran lassen sich die modern aufgestellten IT Firmen messen. Die Messlatte hält das interprofessionelle Team aus CIO, Ärztlichem Direktor, Pflegedienstleitung und CEO in der Hand. Dieser Personenkreis trägt die Verantwortung für das klinische Prozessmanagement und damit auch für die Werkzeuge, die im klinischen Alltag eingegesetzt werden. Ihr gemeinsamer Besuch in Berlin ab der conhIT 2018 ist aus unserer Sicht ein Muss.

Der Schlüssel zum Erfolg moderner Systeme am Markt kann nur darin liegen, sie auch denen vorzustellen und mit denen darüber zu diskutieren, die sie später auch einsetzen. Guido Burkhardt ist seit vielen Jahren Beirat der conhIT und möchte sich dieser Thematik für 2018 ganz besonders widmen. „Aus meiner Sicht“, so sagt er, „müssen wir für die conhIT eine Möglichkeit finden, Leitende Ärzte, Pflegende, Therapeuten und die IT Leute gemeinsam auf die Messe einzuladen und ihnen ein Programmangebot machen, das schon im Voraus echten Nutzen erkennen lässt. Mit dem bisherigen Publikum alleine beantworten wir die Fragen der Zukunft nicht“, ist sich Burkhardt sicher.

 

 

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Dieser Beitrag wurde am 29.4.2017 veröffentlicht und zuletzt am 29.4.2017 aktualisiert.
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